desire squat resist – Bethanien meets Reba84

Unter diesem Titel findet derzeit eine Ausstellung in der REBA84 statt. Die REBA84 ist ein ehemaliges Kinderkaufhaus in Chemnitz und wurde im Sommer 2007 Hausbesetzern als Tauschobjekt für ein besetztes Haus überlassen. Die Ausstellung befasst sich mit der neueren Entwicklung des legendären Bethanien in Berlin-Kreuzberg, deren Vorgeschichte und der Geschichte Kreuzbergs. Sie wurde bereits 2007 in Christiania/Kopenhagen gezeigt.
       
       
       

Reba84 – Chemnitz

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Die Besetzung der "Kämpfer_in"

Am 20.06.2007 besetzte die Initiative Eberhard Weber das Gebäude “Die Kämpfer_in” in der Chemnitzer Karl-Immermann-Str. 23/25. Es ist das alte Redaktionsgebäude der 1933 von den Nazis verbotenen KPD-Tageszeitung "Der Kämpfer". Die Besetzung, welche anlässlich des Jugend Aktionstages erfolgte, hatte zum Ziel selbstverwaltete kulturelle Freiräume in der Innenstadt zu schaffen. Angesichtes des immensen flächendeckenden Leerstandes in der Stadt, bemühten sich verschiedene Gruppen schon seit mehreren Jahren um Nutzungsverträge für Gebäude, wurden aber bisher immer mit hohen Geldforderungen konfrontiert.

       
       

Die schrumpfende Stadt

Chemnitz gilt als schrumpfende Stadt – nicht nur verlor das ehemaligen Karl – Marx-Stadt seit 1990 mehr als 20% seiner Einwohner, sondern gilt auch als „Stadt der Alten“. Die Altersstruktur hat sich dramatisch verändert; die Geburtenrate ist niedrig, der Anteil der Unter- 15-Jährigen hat den niedrigsten, der Anteil der Über-60-Jährigen den höchsten Stand unter deutschen Grossstädten. Viele alte Industriestandorte wurden privatisiert oder abgewickelt und verfallen nun. Dafür existiert ein Überangebot an Geschosswohnungen und Büroflächen, denn auch der Dienstleistungs- und Einzelhandelssektor gilt als „gesättigt“. Neben überdimiensionierten Einkaufzentren und ausgebauten Lofts findet sich überall Leerstand und Verfall von alten Gebäuden. Insbesondere die Kommunale Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft (GGG), eine Tochter der Stadt Chemnitz tat sich in den letzten Jahren mit einem Zickzackkurs gegenüber dem Willen zur Nutzung für kulturelle, soziale und einfache Wohnzwecke hervor.

       
       

Tauschobjekt "Kinderkaufhaus"

Die Verwalterin der "Kämpfer_in", die GGG, wollte die Besetzung wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse nicht dulden, bot aber Ersatzobjekte an. Trotz Bedenken wegen der Groesse und der daraus resultierenden ökonomischen Belastung willigte die Initiative Eberhard Weber in den Tausch ein. Am 06.07.2007 wurde die REBA84, das ehemalige Kinderkaufhaus Reitbahnstraße Ecke Gustav Freytag Strasse, bezogen. Der 4-stöckige Bau im Stil des "Stalinbarock" bietet die Möglichkeit von Veranstaltungen in dem von Säulen getragenen Erdgeschoß mit 40 Meter Schaufensterfront und dem 1. Stock sowie Wohnen im restlichen Gebäude.

Leben und Arbeiten

Seitdem leben ca. 23 Menschen im Haus und gestalten dies nach ihren Vorstellungen. Der Veranstaltungsraum hat sich etabliert und bietet neben dem Barbetrieb Vokü, Konzerte, Infoveranstaltungen, Kino und Ausstellungen.

       
       
       

Die Ausstellung

desire squat resist - Bethanien meets Reba84

>> www.bethanien.info >> www.yorck59.net

Die Ausstellung stellt anhand von Fotos, Texten, Flyern und Plakaten den Hauskampf um das Hausprojekt Yorck59, die erfolgreiche Besetzung des Bethanien 2005, die verhinderte Privatisierung dieses öffentlichen Eigentums und die lange Tradition des Widerstandes in Kreuzberg dar.

Eröffnung der Ausstellung

Am Freitag, den 14.03.2008 wurde die Ausstellung BETHANIEN MEETS REBA84 mit der Vorstellung des Bethanien/NewYorck und einer Diskussion über Privatisierung, Stadtumstrukturierung und Widerstandsformen dagegen eröffnet. Anschließend wurde der Kreuzberg-Film aus den 70ern "Geschichte wird gemacht! Berlin am Kottbusser Tor (Protestbewegung und Stadtsanierung in Kreuzberg SO 36)" des Kreuzbergmuseums (www.kreuzbergmuseum.de) gezeigt. Am Samstag gab es eine Veranstaltung zur "Yorck59 - Geschichte eines Hausprojektes" mit Filmschnipseln, Information, Diskussion zu Strategien und Erfahrungen im Hauskampf, sowie Modellen und Organisierung des Gemeinschaftsleben.

       
       

Das Bethanien in Berlin-Kreuzberg

 

Geschichte des Bethanien

Das 1845 als Krankenhaus erbaute Bethanien in Berlin-Kreuzberg steht für eine lange Geschichte des gesellschaftlichen Widerstandes gegen Leerstand, Stadtumstrukturierung, Gesundheitspolitik und Privatisierung öffentlichen Eigentums. Ein breites Bündnis verhinderte in den 60ern den Teilabriss des Gebäudes. In den 70ern wurde ein Nebengebäude von Jugendlichen als erstes Haus in Berlin besetzt (Georg-von-Rauch-Haus), und ebenfalls in den 70ern stritt das „Kampfkomittee Bethanien“ für die Einrichtung einer Kinderpoliklinik anstelle eines Künstlerhauses. Der Teilabriss wurde verhindert. Das besetzte Nebengebäude wurde legalisiert. Die Kinderpoliklinik konnte nicht durchgesetzt werden. So wurde aus dem Bethanien ein Künstlerhaus mit einigen sozialen Einrichtungen.

Der Gemischtwarenladen Bethanien

Ein Konzept für das ganze Haus wurde nie gefunden. Dies wurde zwar oft bedauert, aber zum wirklichen Problem wurde es erst als zwei Jahrzehnte neoliberaler Politik die Kommunen an den Rande des Ruins brachten. Das Bethanien war plötzlich „zu teuer“ und der Vorschlag der PolitikerInnen zur Lösung dieses Problems war, wie so oft, die Privatisierung. Diese erwies sich aber in Kreuzberg mit seiner widerständigen Tradition als nicht so einfach. AnwohnerInnen und von Kündigung bedrohte soziale Einrichtungen des Bethanien begannen sich zu wehren. Als dann das Hausprojekt Yorck59, das gerade aus seinem Haus gewaltsam geräumt wurde, einen leerstehenden Teil des Bethanien besetzte und sich die aus AnwohnerInnen bestehende "IZB - Initiative Zukunft Bethanien" solidarisierte, gerieten die „linken“ Bezirkspolitiker mehr und mehr in die Defensive. Nach einem erfolgreichen BürgerInnenbegehren und angesichts einer bevorstehenden Bezirkswahl blieb den PolitikerInnen nichts anderes übrig als dem Kompromiss zuzustimmen, im Bethanien ein kulturelles, künstlerisches, soziales und politisches Zentrum zu errichten. Zur Umsetzung des Kompromisses richtete der Bezirksbürgermeister einen „Runden Tisch“ mit NutzerInnen, AnwohnerInnen und PolitikerInnen ein.

Aktueller Stand des Bethanien Anfang 2008

Das das offene künstlerische, kulturelle, politische und soziale Zentrum, entgegen dem Kompromiss vom September 2006, letztendlich nur im Südflügel und nicht im Gesamt-Bethanien verwirklicht wurde liegt am Einfluß und der Macht der Künstlerhaus Bethanien GmbH und der Druckwerksatt. Unterstützt durch hochrangige Kulturinstitutionen und –politiker hat sie durch ihre Lobby- und Pressearbeit und die Drohung ihres Auszuges aus dem Bethanien die Friedrichshain-Kreuzberger Politiker, die zumindest teilweise einem sozialen Zentrum aufgeschlossen gegenüberstanden, verschreckt. Dem größeren Teil der Politiker war ein selbstorgansierter Prozess von Unten von Anfang an suspekt und sie waren froh diesen auf die NewYorck beschränken zu können. Die KunstnutzerInnen konnten so die beiden Forderungen des BürgerInnenbegehrens Einrichtung eines offenen künstlerischen, kulturellen, politischen und sozialen Zentrums und eines interkulturellen AnwohnerInnenforums im Hauptgebäude verhindern. Allerdings konnten 3 von 5 Forderungen des BürgerInnenbegehrens durchgesetzt werden: keine Privatisierung des Bethanien, Verwaltung durch einen gemeinnützigen Träger, Legalisierung und Verbleib der NewYorck.