aus: Siegessäule - September2004

Paradies aus DDR-Pappe

Die Wagenburg am Schwarzen Kanal belebt den Kiez nicht nur mit dem beliebten "Queer Varieté". Trotzdem droht schon wieder ein Umzug

Kreuzberg live: Phyllis, Usch und Susanne im Vorgarten ihrer Wagenburg

Für die Bürohengste in der Michaelkirchstraße war der 11. September 2002 ein doppelter Schock. Paralysiert standen sie hinter ihren Glasfassaden und beobachteten, wie eine Bauwagenkolonne langsam auf das Ödland vor der Spree tuckerte. Verzweifelt warfen sich die Schlipsträger vor den Zug, um die "Besetzung" zu verhindern. Doch die Rollheimerinnen waren legal unterwegs. Durch den Bau der Verdi-Bundeszentrale wurden sie von der Schillingbrücke vertrieben, jetzt nahmen sie das Ersatzgelände in Besitz.

"Wir waren total stolz", sagt Usch Jabinik, "der Bauwagenplatz Schwarzer Kanal war der einzige in der Innenstadt mit Vertrag und nicht nur Duldung." Zu früh gefreut: Die Investoren befürchteten eine Entwertung ihrer Immobilien ?durch die optische Zumutung" und reichten Klage ein. "Das Oberverwaltungsgericht befand, wir sind ein Slum, nun ist der Vertrag ungültig." Solange der Rechtsstreit läuft, kann keine Räumung erfolgen. Aber im Frühjahr müssten sie ohnehin umziehen, eine Perspektive ist nicht in Sicht. Berlins Standardargument: Es gibt kein Gelände im Zentrum. Die Vertreibungspolitik kennt Usch aus dem "kuscheligen Köln", wo auch alles an den Rand gedrängt wurde, was nicht in die repräsentativen Metropolenfantasien der Verwalter passte.

Wie die meisten der 20 Frauen, Lesben und Transgender hier lebt sie noch nicht lange in Berlin. Das Zusammenleben der Studentinnen und Frauen mit völlig unterschiedlichen Berufen verläuft harmonisch, Respekt ist die Basis. Es gibt kein klares politisches Konzept, aber ein Schutzraum vor sexualisierter Gewalt muss der Ort sein.

Wie ein Slum wirkt die farbenfrohe Kolonie mit Bauwagen aus DDR-Pappe, Blech und Holz jedenfalls nicht. Wasser, Strom, eine Badewanne im Toilettenwagen. Im Winter wird mit Holz geheizt. Das Paradies wohnt nicht im teuren Spree-Carrée nebenan, sondern hier. In Sichtweite leuchtet überm Alex das Abendrot. Am anderen Ufer rattert das unermüdliche S-Bahn-Ballett. Auf Susanne Lamberts Veranda spielen Glasperlen verträumt im Wind. "Wenn ich mein Spülwasser rauskippe, wachsen Blumen", schwärmt sie. Trotz eines lukrativen Jobs möchte sie auf Rädern hausen, "bis ich schrumpelig bin. Wenn's sein muss, kann man mich darin in die Geriatrie schieben, oder wir machen ein mobiles Altenheim."

Eigentlich ist der Schwarze Kanal schon "ein bisschen Mitte", verrät sie, "aber vom Herzen her ist es Kreuzberg, ein alternativer Ort. Wir geben dem Kiez etwas und bekommen die Liebe zurück". Zum Beispiel Volksküchen am Lagerfeuer und ein Filmchen hinterher.

"Kultur ist ein Gut, das für alle da sein muss", proklamiert Phyllis Mephista, Moderatorin des kostenlosen "Queer Varieté". Wenn es politisch korrekt ist, darf jede auf die Open Stage, trotzdem droht kein Niveauverlust: Gehobene Travestie mit Renate de la Gosse, Pünktchen, Elvira Westwärts, dazu professionelle Straßenkunst, Akrobatik. Wie im Amphitheater sitzt das Publikum auf einer Tribüne vor der großen Bühne. "Queer heißt nicht schwullesbisch, sondern gegen den Strom. Keine Häppchenkultur ohne Halbwertszeit, die die Leute stumm macht, sondern eine, die wachrüttelt." Die Auftretenden kriegen kein Honorar, aber sie können Kontakte knüpfen. "Außerdem gucken bei dem spontanen Ding 500 Leute zu. Eine einmalige Stimmung im Berliner Sommer. Don't miss it", empfiehlt Phyllis. Wenn sich bloß der Senat überzeugen ließe, dass die Hauptstadt Wohnkultur jenseits hoher Subventionen braucht. Gratis für den Steuerzahler - und hundertmal genialer. Andrea Winter