23.06.2004
Interview
Interview: Ralf Wurzbacher
F: Demnächst könnte ein weiteres kollektives Wohnprojekt aus dem Berliner
Stadtbild verschwinden. Warum droht dem Hausprojekt in der Yorckstraße 59 das
Aus?
Der neue Hausbesitzer, ein Herr Marc Walter aus Hamburg, hat sich
offenbar das Ziel gesteckt, das Fabrikgebäude einer Sanierung zu unterziehen und
die jetzigen Bewohner rauszuekeln. Unser bestehender Mietvertrag läuft im
September aus. Herr Walter will von uns nun die doppelte Nettokaltmiete
verlangen. Das wollen und können wir uns nicht leisten. Zugleich macht uns die
neue Hausverwaltung Bau-Partner GmbH in Person von Herrn Boris Marweld durch
tägliche Schikanen das Leben schwer. Herr Marweld läßt die Hofdurchgänge
wöchentlich von politischen Plakaten reinigen, die Kosten für seinen
Sauberkeitsfimmel will er auf uns abwälzen. Außerdem sollen wir den Hof räumen,
den wir seit vielen Jahren nutzen.
F: Was ist das Besondere am Yorck59?
Wir wollen mit unserem Wohnprojekt eine Alternative zu herkömmlichen
Wohnformen und Vereinzelungstendenzen bieten. Wir haben das Fabrikgebäude 1989
gemietet und ausgebaut. 60 Menschen, darunter zehn Kinder, leben momentan in
acht Wohngemeinschaften kollektiv, solidarisch und selbstbestimmt unter einem
Dach zusammen. In unserer Projektetage stellen wir Räumlichkeiten zur Verfügung,
die von verschiedenen Initiativen als Treffpunkt, Büros und für Veranstaltungen
genutzt werden. Hier arbeiten unter anderem die Antirassistische Initiative
(ARI), das Anti-Hartz-Bündnis und der Nachrichtenpool Lateinamerika.
F:
Sie rufen für den heutigen Mittwoch zu einer Protestkundgebung vor dem Rathaus
Friedrichshain-Kreuzberg auf. Was erhoffen Sie sich davon?
Wir wollen
öffentliche Aufmerksamkeit erregen und Druck auf die
Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ausüben, die am Abend zum Thema Yorck59
tagt. Wir fordern von den Bezirksverordneten, eine Resolution zu verabschieden,
in der sich diese zum Erhalt unseres Hausprojekts bekennen und ihre
Unterstützung zusichern. Wir erwarten von der BVV, daß sie Hauseigentümer und
-verwaltung dazu bewegt, sich mit uns an einen Tisch zu setzen, um nach einer
Lösung zu suchen.
F: Im vergangenen Jahr hat die Politik – der Berliner
Senat – im Zusammenhang mit der Zwangsräumung der Rigaer Str. 94 in
Friedrichshain schon einmal bewiesen, daß ihr der freie Wohnungsmarkt allemal
wichtiger ist als alternative Wohnkulturen ...
Eben auf diesen Mißstand
wollen wir bei unserer Kundgebung hinweisen. Immer mehr Menschen aus sozial
schwachen Schichten werden mit Mieterhöhungen, Luxussanierungen und
Privatisierungen aus dem Berliner Innenstadtbereich vertrieben. Daß sich
Widerstand lohnt, haben wir schon einmal bewiesen. 1995 sollten unsere Mieten
sogar vervierfacht werden. Daß daraus nichts wurde, lag an unseren Protesten.
* Heute: Kundgebung vor Bezirksamt Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg,
Yorckstr. 4–11, 18 Uhr
(jw 23.06.04)
link zur
originalveroeffentlichung bei www.jungewelt.de